Fotografie

Grundlagen des Grau-/ND-Filters (Fotografie Tutorial)

Tutorial erstellt von Sven, letzte Änderung am 29.06.2010

1. Einleitung


In diesem Tutorial möchte ich euch die Funktionsweise, die Vielseitigkeit und den richtigen Gebrauch eines Graufilters (auch ND-Filter genannt) erläutern.
Dabei werde ich auch kurz auf das Stativ engehen, welches für den Einsatz eines Graufilters unerlässlich ist.

Der Graufilter ist in meinen Augen ein Muss für jeden Fotografen, egal ob Profi oder Amateur.
Damit lassen sich einfache Motive in ganz anderem Licht darstellen, Bewegungen in's Spiel bringen und sogar ganze Plätze von bewegten Objekten (Menschen, Autos) säubern,... Kurz: Man kann verdammt kreativ sein.

Dieses Tutorial ist wie folgt gegliedert:
1. Einleitung
2. Arten
3. Der Einsatz
   3.1. Wann und wofür?
   3.2. Wie?
4. Probleme
5. Weitere Einsatzmöglichkeiten
6. Schlusssatz


2. Arten


Es gibt zahlreiche Arten von Graufiltern. Sie unterscheiden sie sich dabei in ihrer Dichte und dem damit verbundenen Verlängerungsfaktor.
Dieser Faktor stellt den Faktor dar, um den die erforderliche Belichtungszeit durch den Filter verlängert wird.

Anbei folgende Übersicht über alle verfügbaren Graufilterarten, entsprechend der Wertebezeichnung von der Filtermarke B+W:

Für Preise bitte diesem Link folgen:Versandhaus Foto-Müller


Links: 64x, Rechts: 1000x Graufilter

Ich persönlich empfehle einen 1000x Graufilter mit der Dichte 3,0. Damit bin ich bisher immer gut gefahren und habe sehr selten die Erfahrung machen dürfen, dass er nicht ausreicht.
Bei geringeren Dichten häufen sich dagegen die Erfahrungsberichte, dass diese - auch kombiniert, was jedoch zu starker Vignettierung führen kann - nur zu oft nicht ausreichen.


3. Der Einsatz

3.1. Wann und wofür?


Da der Graufilter ein Filter ist der die Lichtmenge verringert, die den Sensor erreicht, sollte man ihn auch nur dann einsetzen, wenn man mit weniger Licht arbeiten möchte.


Diejenigen, die die Einleitung nicht gelesen haben, werden sich fragen:"Wieso sollte man möglichst wenig Licht haben wollen?"

Na ganz einfach: Um z.B. den vorbeifahrenden Zug bei strahlender Mittagssonne und 35 Grad im Schatten bewegungsunscharf werden zu lassen oder die Drehung des Riesenrades auf dem Jahrmarkt darzustellen und dabei noch eine starke Tiefenunschärfe zu behalten.
Aber nicht nur tagsüber leistet der Graufilter kreativen Fotografen gute Dienste: Bei Nacht lassen sich z.B. mit einem 1000x Graufilter (3,0 ND) Belichtungszeiten von mehreren Stunden erreichen und somit Sternenstriche zeichnen. Man sollte nur auf den Akku achten, da die Kamera den Spiegel mehrere Stunden oben halten muss + nochmal die Zeit benötigt um das Dunkelbild zu erstellen.
Zu den Sternenstrichen gibt es HIER ein schönes Bild.

Wann man den Graufilter einsetzen sollte und wann nicht ist eigentlich dem Fotografen überlassen. Es gibt keine Regeln. Wäre auch sinnlos, sich an ihnen festzubeißen.
Ich kann höchstens Empfehlungen aussprechen, wann der Einsatz empfohlen ist und wann nicht:


Ein Einsatz lohnt sich, wenn:
- man durch seine schnellstmögliche Verschlusszeit gezwungen wäre, die Blende zu schließen, jedoch eine geringe Schärfentiefe behalten möchte (z.B. bei Portraitaufnahmen)
- man eine lange Verschlusszeit haben möchte (z.B. "Milchwasser", Sternenstriche)

Ein Einsatz lohnt sich nicht, wenn:
- verschieden belichtete Stellen auf dem Bild vorhanden sind (z.B. Horizont, Sonnenuntergang). Hier eignet sich ein sogenannter ND-Verlaufsfilter.


3.2. Wie?


Wie setze ich den Filter "richtig" ein?
Bei Graufiltern höherer Dichte (denke mal so ab ND 1,8) wird es auf Grund mangelnder Durchsicht für den Autofokus und der Belichtungsmessung unmöglich, sich vernünftig anzupassen.

Aus diesem Grund ist es erforderlich, das Motiv anzupeilen und zu fokussieren, bevor man den Filter aufsetzt.
Wichtig ist außerdem, dass anschließend der manuelle Fokus eingeschaltet wird, da der Autofokus beim neuerlichen Drücken des Auslösers anspringt.

Ich könnte jetzt eine menge Schreiben, was eh niemand lesen wird. Deshalb kommen hier jetzt ein paar Bildchen. Die begleitenden Texte enthalten ergänzende Informationen und sind somit optional:




Schritt 1: Auswahl des Motivs
Ich habe als Motiv einen Fluss gewählt, da der Wassereffekt doch sehr beliebt ist. Also bin ich in meine alte Heimatstadt gefahren, da es dort einen schönen Fluss mit mehreren Kaskaden und Wasserfällen gibt. Diese kommen besonders gut.





Schritt 2: Aufbauen des Stativs
Nach einer kleinen Kletterpartie und dreimaligem Berühren mehrerer Brennessel an verschiedenen Körperstellen (schmerz) erreichte ich eine schöne "Ruhezone", abgeschottet vom Gehweg, mit Sitzgelegenheiten und Platz für etwa 6 Mann. Ideal um sich zurückzuziehen und sich abends zu entspannen ^^
Was zum Gruppenkuscheln als angenehm und gemütlich gilt, stellte mit Fotoausrüstung ein kleines Problem dar: Die Stelle war abschüssig... Naja, so abschüssig nun auch nicht, aber ihr könntet wenigstens so tun als wäre es jetzt was Schlimmes, des Demonstrationszwecks wegen.

Hier kommt es nun auf ein richtiges Aufbauen des Stativs an:


Wie die Abbildung vermuten lässt, habe ich das Gewicht des Statives und der Kamera auf den hinteren Fuß verlagert, zur Steigung hin.
Anders läuft das Stativ Gefahr, auf der nassen, teils ziemlich rutschigen Oberfläche abzurutschen.
Hier punktet auch wieder ein Universalstativ, wie das Manfrotto 055-XPROB, welches ich im Beispiel verwendet habe, da sich die Beine bis 90°, teils sogar ein Stückchen mehr als 90° spreizen lassen.
So konnte ich das Bein weiter nach hinten ausstrecken um eine höhere Stabilität zu erreichen.


Auch sollte man immer darauf achten, dass man die dicken Beine als Erstes ausfährt, da dies die Stabilität nochmal erhöht: Je weiter ein Stativ ausgefahren ist, desto instabiler ist es. Deshalb ist es empfehlenswert, das Stativ nur so weit auszufahren, wie man es wirklich benötigt.

Bild Nr. 1 ist nicht nur stabiler, es sieht auch noch besser aus.

Grundsätzlich kann man sich also folgende Richtlinien merken:
- Auf einem Hang, Gewicht zum Hang hin verlagern.
- Stativ nur so weit ausfahren, wie nötig.
- Dicke Beine vor dünne Beine.




Schritt 3: Ausrichten und Messen

Nachdem das Stativ aufgebaut war, habe ich meine Kamera auf das Motiv ausgerichtet, die gewollte Blende von 8 festgelegt und entsprechende Messungen an hellen und dunkleren Stellen des Bildes vorgenommen.
Mein Mittelwert war 1/250 Sekunde.

Folgende Messmethoden gibt es:
- Spot-, bzw. Selektivmessung (Kleiner Punkt wird gemessen, Spot: 3%, Selektiv: 10% der gesamten Bildfläche)
- Integralmessung (Gesamte Bildfläche wird gemessen und ein Mittelwert errechnet. Hierbei genießt die Bildmitte eine höhere Priorität als die Ränder.)
- Matrixmessung (Bildfläche wird in Sektoren aufgeteilt, die nach Integralmessung gemessen werden.)


Schauspieler: Mit der fehlenden Hand musste ich mich irgendwie selbst fotografieren...

Zu beachten beim Messen sind hier die sehr hellen Stellen im Wasser. Wenn man nur diese misst, neigt man zum Unterbelichten, da der Belichtungsmesser sich nur darauf ausrichtet. Diesen Fehler habe ich gemacht, da ich zunächst nur mit der Spotmessung gemessen habe. Nicht nachmachen.




Schritt 4: Filter anbringen

Nun zur Anbringung des Filters. Da ich nur stolze zwei Filter besitze (Pol + ND), war dieser ziemlich schnell gefunden.
Der Unterschied von Pol zu ND 3.0: Durch den Polfilter kann man was sehen.
Desweiteren hat der Polfilter lediglich einen Verlängerungsfaktor von 1,8 - 2,5.

Zunächst ist es wichtig, den Autofokus auszuschalten. Da durch den Graufilter wenig bis garnichts erkennbar ist, hat der Fokus keine Kontraste, auf die er sich fixieren kann.
Das Resultat: Ein ziellos durchdrehender Fokussierring am Objektiv und die nervenaufreibende Arbeit, den Filter nochmal abschrauben zu müssen.


Manuell hui, Automatik pfui!


Der Vorstellung halber habe ich den Graufilter mal auf den Boden gelegt. Ich persönlich finde den Filter einfach wunderschön, aufgrund seiner starken Reflektion der Umgebung und dieser tiefschwarzen Leere, in die man hineinzublicken scheint.
Aber jedem das Seine, daher mal weiter im Text:


Schwarz wie die Nacht: Ein wunderhübscher 1000x Graufilter der Marke B+W.
Rechts: Sucher mit und ohne Graufilter.




Schritt 5: Mathematik!

Nun geht es an das Anpassen der Belichtungszeiten. Da ein ND-Filter mit der Dichte 3.0 einem Graufilter mit dem Verlängerungsfaktor 1000 entspricht (Man kann auch ND-Filter mit Verlängerungsfaktor 1000 sagen für die Klugpiepser unter euch.), muss man einfach die errechnete Belichtungszeit mal 1000 nehmen, was glücklicherweise auch im Kopf geht. Grundlegende Bruchrechnung:

(1/250) * (1000/1) = (1000/250) = 4

Das bedeutet, dass wir ganze 4 Sekunden belichten müssen, um ein ausreichend belichtetes Bild zu erhalten.


Ich empfehle auch, den Weißabgleich auf automatisch zu stellen, da der Graufilter zu Rotstichen neigt (meiner zumindest :s).
Dazu siehe Kapitel 4: Probleme.




Schritt 6: Aufnehmen

Endlich kann gedrückt werden! Das ganze Tutorial durch habe ich aus einer Mücke einen Elefanten gemacht und nun kann endlich der Auslöser durchgepresst werden.
Aber bitte mit Selbstauslöser oder entsprechendem Fernauslöser. Wäre ja schade um das Motiv, wenn es verwackelt.

Mein Ergebnis möchte ich euch nicht vorenthalten:

Wir sehen, das Wasser ist schön milchig. Ich hatte Glück, dass es relativ windstill gewesen ist. Dadurch sind die Halme und Blätter auch einigermaßen scharf abgebildet.



4. Probleme


Mir bekannte Probleme und Nachteile mit dem Einsatz des Graufilters sind:
- Unscharfe Bäume und Gräser durch Wind
- Rotstich
- Fokus vergessen umzustellen
- Stativ ist Pflicht!

Als Beispiel für die Farbstiche, sowie der Wirkung des Filters, nochmal drei Bilder:



5. Weitere Einsatzmöglichkeiten


Neben der Darstellung von fließendem Wasser ist der Graufilter noch zu vielen anderen Zwecken zu gebrauchen. Zwei Beispiele:


Mit 4-sekündiger Belichtungszeit aus einem fahrenden Zug.


Treiben auf dem hamburger Hafenfest. 2 Sekunden belichtet.


6. Schlusssatz


Ich hoffe, ihr habt durch dieses Tutorial Einblick in die Einsatzmöglichkeiten, sowie die Vor- und Nachteile eines Grau- bzw. ND-Filters erhalten.
Desweiteren freue mich über gepostete Versuche von euch in unserem Forum.
So ein Graufilter ist zwar verhältnismäßig teuer, jedoch lohnt sich die Anschaffung alle Male.


Ich wünsche euch viel Spaß beim weiteren Fotografieren und stets gut Licht.

Gruß,
Philex

Weniger ist oft mehr - Der Graufilter ist ein gutes Werkzeug zur kreativen Fotografie.


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