Fotografie

Autofokus auf Front- oder Backfokus testen (Fotografie Tutorial)

Tutorial erstellt von Sven, letzte Änderung am 16.05.2010

Vorwort

Dieter durchschreitet eines Nachts seine Haustür. Er kommt von einem Hochzeitsshooting in einem wunderschönen Dom und mit über 100 anwesenden Gästen. Nichts besonderes für ihn, als Berufsfotograf.
Geheiratet hat ein langjähriger Freund, der ihn vier Monate zuvor gefragt hatte. Dieter hatte damals selbstverständlich angenommen und einen großen Preisnachlass gewährt.

Mit seiner neuen Kombination aus einer Nokin 007D und einem erst am Tage zuvor erworbenem Rokkin 24-70mm f2.8, schien alles doppelt so flüssig von der Hand zu gehen, wie sonst. Der hochpräzise Ultraschall-Autofokus sprang in halbsekündigen Abständen von einem Motiv zum Nächsten, der Sucher war ungewöhnlich hell und klar und der Spiegel klapperte sein fröhliches Lied, während die Bilder regelrecht von dem Sensor auf die Speicherkarte flogen.
Begeistert hatten die Kinder ihm zugeschaut und mit Fragen überhäuft. Er hatte sie sogar mal durch den Sucher schauen und abdrücken lassen.
Von vielen Gästen erntete er anerkennende Blicke, während er mit der Gewandheit eines Profis seine Kamera führte und die hervorragendsten Aufnahmen auf das Display zauberte.

Mit einem Lächeln auf dem Gesicht und einer schier erdrückenden Müdigkeit, fällt Dieter in sein Bett und schläft ein, noch ehe er sich richtig zugedeckt hat.
Am nächsten Morgen wacht er auf und setzt sich, nach einem ausgiebigen Frühstück, vor seinen Computer. Vor ihm seine geliebte D710, die begierig drauf wartet, ihre Last von mehreren hundert Bildern an die Festplatte des Rechners weiterzugeben.
STRG+X -> Arbeitsplatz -> Bilder -> Hochzeiten -> STRG+V. Gigabytes an Daten sausen durch die dünne Schnur zwischen Kamera und Computer. Da sind auch schon die Thumbnails. Jetzt nur noch anklicken und... was??
Das erste Bild ist mal total daneben. Tolles Motiv, Braut am Rande des Springbrunnens, vor der Kirche, nur leider fand die Kamera den Hintergrund wohl interessanter und hat diesen scharfgestellt. Naja, ein Bild von Vielen.
Mit steigender Nervosität klickt sich Dieter durch seine Aufnahmen. Er kann es nicht fassen. Alle, ohne Ausnahme, sind falsch fokussiert. Die Gesichter sind völlig unscharf, aber der Detailreichtum der Ohren lässt jeden Handycam- und Kompaktkamerafotografen auf der Stelle vor Neid erblassen.
Dieter fängt an zu schwitzen, seine Hände zittern. Wie konnte es nur zu dieser Katastrophe kommen? Getrunken hatte er nichts und selbst wenn, läge der Schärfebereich überall, nur nicht auf den Ohren, mit der Präzision eines Lasers.
Doch eine Frage plagt ihm am Meisten: Was soll er nun seinem Freund erzählen?


Was ist also schiefgelaufen, bei Dieters Hochzeitstour? Ganz klar: Sein nagelneues Objektiv der Profiklasse hatte einen kleinen Fehler, der bei Neukäufen garnicht mal so unüblich ist. Sein Objektiv hat einen Fehler in der Scharfstellung, auch als Front- oder Backfokus bezeichnet.
Wodurch er auftreten kann und wie man gezielt auf ihn prüfen kann, zeige ich in diesem Tutorial.


Fehlfokussierung: Front- und Backfokus

Nicht immer ist der Mensch die Ursache für bestimmte Fehler. Es kommt ab und zu vor, dass Objektive, bedingt durch Justierungstoleranzen oder Abbildungsfehlern (Sphärische Aberration), falsch fokussieren.
Man bezeichnet diese Fehler entweder als Front- oder Backfokus.
Im Falle eines Frontfokus liegt die Schärfeebene vor dem Motiv, zur Kamera hin. Beim Backfokus ist sie nach hinten versetzt (In Dieters Fall: Auf den Ohren, statt dem eigentlich angepeiltem Gesicht).



Betrachtet ihr die folgenden Beispiele, dürfte alles klar werden. Der Fokuspunkt liegt immer auf dem Stift (Ja, ich habe mein Objektiv einfach manuell vor- bzw. zurückfokussiert, aber blendet diesen Faktor bitte  aus ;) ).









Auf Front- und Backfokus prüfen

Benötigtes Zubehör

Um den folgenden Test durchzuführen, ist folgendes Zubehör von Vorteil:

    Stativ (optional)

    Kamera mit manuell regelbarer Blendenöffnung (optional)

    Fokussdiagramm (pflicht, siehe unten)



So funktioniert unser Test

Zunächst benötigt man folgendes Diagramm: Fokustest <- Bitte hier herunterladen, 65 KB. Das Archiv enthält das Diagramm als PDF-Dokument, welches ihr nur noch ausdrucken müsst.




Anschließend druckt ihr das Diagramm auf ein normales A4-Blatt aus und legt es auf den Boden oder euren Schreibtisch. Vorher solltet ihr natürlich für ausreichend Licht sorgen.

WICHTIG: Mit "ausreichend Licht" ist nicht das Licht der Schreibtischlampe gemeint. Mehrere helle Lichtquellen oder am besten die pralle Mittagssonne bieten die beste Sicherheit.

Jetzt nehmt ihr eure Kamera, visiert den schwarzen Streifen in der Mitte des Diagrammes im 45°-Winkel an und macht euer Foto. Hierbei ist ein Stativ sehr hilfreich, da man, besonders bei längeren Brennweiten, die Kamera sehr schnell beim Auslösen verzieht. Dies verfälscht euer Ergebnis.
Testet man ein Zoomobjektiv, so sollte man stichprobenweise die verschiedenen Brennweiten durchgehen!
Wichtig ist außerdem, die Blende so weit wie möglich zu öffnen (d.h. möglichst kleine Blendenzahl), damit der Schärfebereich klein ausfällt.

Also gehen wir die Schritte nochmal durch:
1. Für ausreichendes Licht sorgen!
2. Diagramm auf dem Boden / Tisch legen
3. Blende so weit wie möglich öffnen
4. Schwarzen Streifen inmitten des Diagrammes im 45°-Winkel anvisieren
5. Testbild(er) schießen



Zur Verdeutlichung obiger Beschreibung, habe ich folgende Grafik erstellt:



Mögliche Ergebnisse: Front- und Backfokus erkennen

Nachdem ihr den Test erfolgreich durchgeführt habt, solltet ihr euch die Ergebnisse auf dem Computer ansehen.
Das sollte in etwa so aussehen, wie auf den unteren Bildern.

Eine Abweichung von +-3 Milimetern empfinde ich nicht als sonderlich schlimm. Kritischer wird es allerdings, wenn der Fokus um ganze Zentimeter danebenliegt.

Korrekt fokussiert




Frontfokus




Backfokus



Wie kann ich mein Objektiv reparieren?

Sollte euch beim obigen Test ein Front- oder Backfokus aufgefallen sein, so schickt euer Objektiv zurück zum Hersteller. Sie richten es auf ihre Kosten und senden es, richtig fokussierend, zurück. Vorhandene Garantie natürlich vorausgesetzt, sonst heißt es auf Kulanz hoffen.
Einige Kameras bieten die Möglichkeit, Fokusabweichungen zu korrigieren, was jedoch nur Sinn ergibt, wenn die Abweichung durch den gesamten Brennweitenbereich konstant bleibt. Ein Blick in die Bedienungsanleitung lohnt sich also.


Schlusswort

So kann Dieter nun sein Objektiv zurücksenden und auf eine schnelle Reperatur hoffen. Garantie hat er schließlich noch.
Was bleibt ist allerdings der Ärger mit den Hochzeitsgästen.
Daher hat Dieter eins gelernt: Wenn man sich ein neues Objektiv kauft, sollte man es möglichst sofort auf Front- und Backfokus testen. Es hätte ihm jede menge Ärger erspart, kurzzeitig auf das schnelle Profiobjektiv zu verzichten, dafür mit der alten Ausrüstung knackscharfe Bilder zu schießen.

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